Brandrodung in Brasilien und Europa: Handeln statt kritisieren

Von Friedrich Helmke

Der “arco de desmatamento”, der Abholzbogen im Süden des Amazonasgebiets, erstreckt sich von Ost nach West über ein riesiges Gebiet, in dem seit Jahrzehnten systematisch abgeholzt und verbrannt wird. Vom Atlantik bis nach Bolivien rodet man seit der Erschließung des Amzonasgebiets durch die Militärregierung in den neunzehnhundert-siebziger Jahren. Das gute Holz wird verkauft, die anderen Bäume lässt man tocknen und verbrennt sie dann während der Trockenperiode.

Es gibt seit Jahren einen Index mit dem man die Geschwindigkeit der Rodungen misst, dieser hat dieses Jahr ziemlich zugelegt, weil der neue Präsident wissen ließ, dass er eher für die Erschließung des Amazonas ist. Kaum jemand spricht davon, das Brandroden überhaupt zu stoppen, es wird lediglich mehr oder weniger gebremst, je nach Regierung.

Laut Gesetz muss eine bestimmte Fläche des Anbaugebiets als Wald erhalten bleiben, das funktioniert im modernen Südosten des Landes ganz gut. Im Amazonas ist eine Kontrolle aber so gut wie unmöglich, es handelt sich um Millionen von Quadratkilometern, die von wenigen Beamten kontrolliert werden.

Im Bezirk Altamira zum Beispiel warnten die Staatsanwaltschaft und die Umwelbehörden vor dem bevorstehenden “Tag des Feuers”, dem 10. August 2019. Die Bauern hatten diesen Tag zum Abbrennen bestimmt und sich mit Tausenden von Litern von Benzin eingedeckt. Die Umweltbehörde IBAMA hat aber lediglich zwei Mitarbeiter im Büro und einen im Feld, um eine Fläche von über 160.000 km² zu kontrollieren.

Auf Grund der Medien werden jetzt ein paar der Brandstifter zur Verantwortung gezogen, aber das ist nur Augenwischerei. Der Präsident lenkt mir Attacken auf Emanuel Macron ab und nicht ganz zu Unrecht meint er, die paar Millionen aus Deutschland brauche man nicht. Tatsächlich fehlen nämlich Milliarden, um etwas zu ändern. Der brasilianische Staat ist aber nach Jahren der Misswirtschaft so gut wie bankrott.

Durch das große Bevölkerungswachstum und Mangel an Arbeitsplätzen wird in Brasilien seit jeher immer in unbesiedelte Gebiete eingedrungen, sei es auf den Hügeln von Rio de Janeiro, in den Mangrovensümpfen rund um die Großstädte am Meer oder im Amazonas. Die Verwaltung hat dem nicht viel entgegenzusetzen, und irgendwann versucht man es zu legalisieren, man kann den Leuten ja nicht ihre Wohnungen wegnehmen.

Im Amazonasgebiet unterscheidet man zwischen garimpeiros, die nach Gold und sonstigen Bodenschätzen graben und dabei den Wald verwüsten, den madeireiros, die gezielt auf das Holz aus sind, und den fazendeiros, den Bauern, die den Wald roden, um Weideflächen für Rinder zu schaffen oder auch Soja anbauen.

Der Vizepräsident Hamilton Mourão kennt den Amazonas besser als andere Politiker, weil er dort eine Dschungelbrigade kommandiert hat. Er ist der Meinung, mit den Brandrodungen machen die Leute einfach immer noch weiterhin das, was sie von ihren Großeltern und Eltern gelernt haben. Man müsste ihnen alternative und vor allem nachhaltige Möglichkeiten geben um ein Einkommen zu erwirtschaften.

Die Interessenkonflikte sind kaum überschaubar. Der Präsident meint zum  Beispiel, man solle den Indios das Recht geben, die Bodenschätze ihrer Gebiete ausbeuten zu dürfen. Das klingt naturlich besser, als sie den eindringenden garimpeiros auszusetzen. In unserer vernetzten Welt leben nur noch sehr wenige Stämme abgeschnitten im Urwald, eine Anpassung an die modernen Zeiten in irgendeiner Form scheint also tatsächlich dringend nötig.

Es gibt riesige Naturschutzgebiete, die wenigsten theoretisch einigermaßen kontolliert werden. Die Idee, den Rest des Regenwaldes komplett zu schüzen, indem man ihn vor Eindringlingen bewahrt, ist aber vollkommen illusorisch. Der Bogen des Abholzens ist einfach zu riesig und es sind zuviele Menschen beteiligt. Die einzige praktische Lösung scheint, die alte Brandrodung durch eine moderne Forstwirtschaft zu ersetzen.

Dazu gibt es viele Ansätze, denn viele Planzen gedeihen wesentlich besser im Schutz von großen Bäumen, zum Beispiel Kakao, Kaffee und Palmen für Palmherzen. Statt also weiter relativ sinnlos abzuholzen wäre es vernünftiger, den Menschen im Abholzbogen ein nachhaltiges Einkommen zu schaffen. Statt zu  kritisieren sollte man sich also die Frage stellen, was ist uns der Amazonas wirklich wert?

Brasilien hat im Moment nicht die geringsten Mittel, um irgendetwas zu verändern. Die Regierung ist kaum in der Lage, Recht und Ordnung in diesem gigantischen Gebiet aufrecht zu erhalten, auch wenn sie gerade die Armee zu diesem Zweck entsendet hat. Und die vom jahrelangen Abschwung betroffenen Menschen brauchen Hilfe, keine Kritik. Antti Rinne, der Präsident Finnlands, das gerade die Präsidentschaft der EU innehat, hat eine Frage gestellt, die einen Ausweg sucht, der allen Beteiligten weiterhelfen kann: “Was haben die Europäer den Brasilianern anzubieten, damit das Brandroden aufhört?”  




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