Globalisierte Ignoranz: Warum man den Regenwald so nicht retten kann

Amazonas: Zum Abholzen verdammt

Von Friedrich Helmke

Die Nachricht, dass die Abholzrate des Amazonas sich im Vergleich zum Juni 2018 um 80% erhöht hat, hätte zu keinem unpassenderem Zeitpunkt kommen können. Die brasilianische Regierung hatte gerade erst Kritik aus Deutschland besänftigt und sich damit weitere Milliarden für den Amazonas-Fonds gesichert.

Am selben Tag wurde eine Rekordmaisernte und die Zulassung von 51 neuen Pestiziden gemeldet. Das alles in stöβt Brasilien normalweise auf genauso wenig Interesse wie der Dollarkurs in Deutschland. Aber diesmal hat die Abholzstatistik endlich etwas mehr Aufmerksamkeit erregt, weil Bolsonaro meinte, man sollte „solche Lügen nicht veröffentlichen“, denn das bedeute „negative Schlagzeilen über Brasilien“.

Seine Regierung hat ein schweres Erbe angetreten. Mama Staat hat vor allem zwei groβe Sorgenkinder zu stillen, die üppigen, oft absurden Gehälter des aufgeblähten öffentlichen Dienstes zum einen, und zum anderen die Zahlungen zur Rettung der bankrotten Rentenkasse. Ein ungerechtes und veraltetes System, in dem viele länger Rente erhalten als sie je gearbeitet haben.

Es ist ganz normal, dass Gemeinden 80% ihres Budgets für Personalkosten inclusive Pensionen ausgeben. Da bleibt also nicht viel für Erziehung, Polizei, Gesundheitswesen und schon gar nicht für Umweltpolitik übrig.  Die Krise von 2008 ist bis heute nicht überwunden. Die damalige linke Regierung hatte die erfolgreiche linksliberale Wirtschaftspolitik aufgegeben und auf Groβunternehmen gesetzt, auf National Champions.

Aber Hunderte von Millionen für ein einmal benutztes Fuβballstadium in Manaus und Milliarden für das Megawasserkraftwerk Belo Monte, mitten im Urwald, retten weder den Amzonas noch die Wirtschaft. Der Erfolg war der gleiche wie in Angola und anderen afrikanischen Ländern. Eine Korruption unbekannten Ausmaβes hat das Land ausgeblutet und die Politik gelähmt. Zum Glück sitzen jetzt einige der Drahtzieher hinter Gitter.

Das einzige aber, was stetig wächst, ist die Landwirtschaft, Big Agriculture, und die lässt sich genauso wenig einschränken wie die deutsche Auto- und Chemieindustrie. Schon gar nicht, wenn der Staat eigentlich pleite ist und dringend Steuern braucht. Schon die Präsidentin Dilma Rousseff stolperte über dieses Problem und wurde deswegen impeached. Kein Wunder also, dass man auf das Einkommen aus der Landwirtschaft auf keinen Fall verzichten kann.

Der geht es prächtig, Genmais und Gensoja werden auf Teufel-komm-raus angebaut und exportiert. Vor allem blüht aber auch die Rinderzucht, und für die freilaufenden Tiere  ist „nur noch ein bisschen mehr“ Erweiterung der Weideflächen in den Urwald hinein bedauerlicherweise unwiderstehlich.  Man argumentiert, dass Brasilien ja immerhin immer noch zu 65% aus Wald besteht, im Gegensatz zu Deutschland mit 35% und Österreich mit 50%.

Uberhaupt  hört man oft die Entschuldigung, dass „der Amazonas uns gehört“, alles andere wird traditionell als imperialistisches Gehabe und Bevormundung von Seiten der ehemaligen Kolonialmächte in Europa dargestellt. Gegen solche Argumente kommt man nur sehr schwer an! Dazu kommt, dass der Klimawandel in Brasilien praktisch nicht spüren ist. Die Arktis ist eben sehr, sehr weit weg.

Wörter wie „Climate Change“ und „Klimaschutz“ kommen in den portugiesischsprachigen Medien äuβerst selten vor. Die Brasilianer orientieren sich sowieso leider eher an den USA als an Europa. Diese Ignoranz führt dann zu Aussagen wie, “die Europäer haben ihre Wälder abgeholzt, und jetzt wollen sie, dass wir den Amazonas retten”.

Aber als Weltklimaretter wollen sich die Brasilianer absolut nicht verstehen. Man muss ihnen in gewissen Sinne sogar fast irgendwie recht geben, denn den Klimawandel haben die Industrienationen auf der nördlichen Halbkugel zu verantworten. Diese bekommen ihr CO² nicht in den Griff, verlangen aber gleichzeitig, dass Brasilien es am Amazonas abbaut. 

2019 brannten in der Arktis fast 500.000 km² ab, das entspricht 10% des Amazonas-Regenwalds! Die Rauchwolke dehnte sich auf 4,5 Millionen km² aus, das ist fast so groβ wie das gesamte Amzonasgebiet. Diese Brände sind aber keine unabdingbare Naturkatastrophe, sondern werden durch die Erhitzung der Arktis ermöglicht, also durch den CO²-Ausstoβ der Industrie. Und dahinter steckt leider die selbe Ignoranz wie beim Brandroden.

Mit Bolsonaro verfolgt Brasilien also weiterhin eine Umweltpolitik, die das Abholzen aus wirtschaftlichen Gründen nicht stoppen will. Der einzige Unterschied ist, dass er es ehrlich zugibt, anstatt wie die anderen vorzugeben, alles zu tun, um die Verwüstung zu stoppen, nur um das Gesicht zu wahren und weiterhin Milliardenhilfen für den Amazonas aus Deutschland und Norwegen zu erhalten. 

Wirtschaftsminister Paulo Guedes soll die Wirtschaft wieder in Gang bringen, wenn das im Gewirr von Gesetzen und Vorschriften überhaupt möglich ist. Er ist ein Visionär, wenn auch nicht so, wie wir uns das vorstellen, und hat den Wert des Urwalds voll erkannt. Beim Besuch in Manaus hatte er die Idee, hier eine gobale Sauerstoffbörse zu gründen. Die nördlichen Industrieländer produzieren zuviel Kohlendioxid, hier gibt es Sauerstoff im Überfluss, warum nicht Kapital daraus schlagen?

Aber ansonsten denken die meisten Brasilianer nicht global, deshalb bringt Kritik nicht viel. Ignoranz bekämpft man besser mit Information und Erziehung. Dazu kann man praktische Schritte unternehmen. Die Deutsche Botschaft in Brasilia hat z.B. vor kurzem eine Gruppe junger Abgeordneter nach Berlin eingeladen, damit sie sich ein Bild davon machen können, wie Umweltschutz bei uns läuft. Sie kamen fasziniert von dem, was sie gelernt haben, nach Brasilien zurück.

Neben Paulo Guedes, der in Chicago studiert hat, gibt es eine neue Generation, die Englisch kann. Sie ist daher mehr globalisiert, hat Zugriff auf mehr Information und versteht, was im Rest der Welt vor sich geht. Die ganze Hoffnung liegt also bei dieser Gruppe verantwortungsvoller junger Menschen. Genau wie in Deutschland weiβ auch hier die junge Generation, dass die Zukunft von ihnen abhängt. Wir müssen sie deshalb mit all unseren Kräften unterstützen.  

Wir müssen darüber nachdenken, was wir am Besten für sie tun können. Biobauern nach Deutschland einladen, den Studenten die Unversitäten öffnen, Stipendien für Masterabschlüsse anbieten und jungen Menschen, die sich für die Umwelt engagieren, die Türen aufmachen und weiter junge Politiker nach Deutschland einladen. Deutsche Klimaaktivisten sollten Vorträge an brasilianischen Universitäten und Parlamenten halten.

Die deutsche Botschaft hat gute Arbeit geleistet, das hat funktioniert, das war ein lobenswerter Anfang. Und was die deutschen Milliardenhilfe an den Amazonasfonds angeht, so sollte man sie nicht aufgeben, aber man muss jeden Cent, der in Brasilien investiert wird, auf’s Genauste kontrollieren und zusehen, dass nichts sinnlos investiert oder böswillig abgezweigt, sondern vernünftig verwendet wird. Im Land der laschen Gesetzesanwendung wird Härte nämlich respektiert.

Im modernen Südosten Brasiliens wird Umweltschutz inzwischen ziemlich ernst genommen und nach und nach umgesetzt. Vom Atlantischen Urwald z.B., der einst die gesamte Atlantikküste Brasiliens bedeckt hat, sind nach 500 Jahren noch 5% übrig. Dieser Rest wird aber mittlerweile äuβerst erfolgreich geschützt. Hier gibt es also viele offene Ohren. Wir müssen unbedingt  mit allen Mitteln diejenigen stärken, die die Idee der Nachhaltigkeit in den Rest dieses riesigen Landes bringen können.

copyright 2019 Friedrich Helmke






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